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Fallbeispiel (Fernsehfilm)

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Mecklenburgische Provinz, die Kleinstadt Crivitz, ein bisher eher durchschnittlicher, unbedeutender Flecken im Norden, dessen Einwohner ahnen, dass der Ort bald mit europäischen Superlativen verbunden sein wird.

Viel wird zwar schon heute gebaut, doch fast ohne einheimische Firmen.

Im Landschaftsschutzgebiet hinter der Stadt in einem für die Region einmaligen Rückzugsgebiet für seltene Pflanzen und Tiere, Fischotter und Seeadler soll ein Traum wahr werden.

Auf 280 ha soll Europas größtes Ferien- und Freizeitparadies für über 3000 kräftig zahlende Übernachtungsgäste entstehen, ein paar hundert Ferienhäuser, Teiche, Hotels, Golfplatz, Reitzentrum und ein subtropischer Badetempel.

Attraktiver Ganzjahrestourismus unter Glas heißt das Zauberwort vom perfekten Urlaub.

Zwischen den Großräumen Berlin und Hamburg ein vielversprechender Standort.

Weichenstellung: Die gewählten Volksvertreter von Crivitz stehen hinter dem Projekt, geschlossen für das Wohl der Stadt. In geheimer Sitzung beschlossen sie schon im Frühjahr 1993 grünes Licht für alle Pläne des Freizeitparkes.

Schönheitsfehler: Die Öffentlichkeit erfuhr davon erst ein halbes Jahr später. 1993 beschlossen sie ebenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit ihre Posten in einer mit dem Investor zu gründenden Ferienpark-Gesellschaft GmbH.

Die Landschaft am Warnowfluß, am geplanten Ferienpark ist, so Umweltschützer, hochsensibel. Der Fluß selbst ist Trinkwasserreservoir der Großstadt Rostock und Sanierungsmodell des Bundesumweltministeriums. Widerstand gegen eine Großbaustelle in Kleinstadtgröße war zu erwarten.



Nach Bekanntwerden der Baupläne pilgerten Anfang 94 die Investoren durch Crivitz und die Gemeinden im Umkreis.


Werbung: "Wir wissen ganz genau wie's funktioniert und so ist es wirtschaftlich in der Waage; und wir überlassen es nicht dem Zufall, wir haben Buchungsgarantien, wenn der Park steht, dass es so läuft!"

Die gewaltigen Ausmaße der Anlage, dreimal so groß wie die bisher größte in Deutschland, der Center-Park in Bispingen in Niedersachsen...



... der Landschaftsverbrauch und die außergewöhnliche hohe Investitionssumme von 1/2 Milliarde ließen bei einigen wenigen Kritikern Fragen offen.
Die Einheimischen, denen das Projekt nicht geheuer, Erklärungen über neue Arbeitsplätze zu simpel sind, wollten Fakten.

Reaktion: "Das ist doch das Armenhaus, dass Sie keine Infrastruktur anbieten! Das ist das Armenhaus! Und wir sind nicht die Leute, die sagen, machen Sie Arbeitsplätze für Umwelt. Aber ich sage Ihnen eines: Wenn man alles, was Umwelt anbelangt berücksichtigt, dann muss man Arbeitsplätze machen oder ... haben Sie eben keine. Da machen Sie n i c h t s ."

Irritationen, Emotionen, monatelanges Hickhack und Konfrontation. Die Stadtvertreter bleiben hart, halten zur Stange des Investors.

Einer der Hauptakteure; der in Crivitz immer schon einflußreiche Unternehmer Ihde. Bis zum Abgang der FDP bis zu den Wahlen 1994 saß Ihde für die Liberalen im Landtag und war Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses.

Im Hause seines Parteispezies, des damaligen FDP-Wirtschaftsministers Lehment, fielen noch vor den Wahlen die Entscheidungen über erste Genehmigungen für den Ferienpark.

Der Raumordnungsbeschluss wurde trotz der zu erwartenden Umweltschäden erteilt, und die sind genannt:
* Versiegelung,
* Schädigung von Pflanzen- und Tierwelt,
* Entzug von Lebensräumen.

Das Konzept des Investors wurde ohne nennenswerte Einschränkungen genehmigt.

Die Rolle des damaligen Umweltministers, das Gutachten seines Hauses, liegt bis heute im Zwielicht. Frieder Jelen, CDU, gilt als grüner Umweltminister, wurde auch in der eigenen Partei schon mal als Wirtschaftsverhinderer tituliert. Seine Naturschutzabteilung forderte selbst schon als großzügigen Kompromiß eine Reduzierung des Ferienpark-Projektes auf 2000 Gästebetten als oberste Schmerzgrenze.

Das Papier muß in der Wahlkampfzeit auf dem Weg zum Ministertisch abhanden gekommen sein.

Jelen: "Das kann ich nicht sagen, dass ich gewußt habe, dass hier mit gezinkten Karten gearbeitet wird. Mein Haus hat in gewisser Weise nachgegeben, und das ist mein einziger Sündenfall in meiner Amtszeit."

In Crivitz spitzt sich inzwischen die Auseinandersetzung zu.

"Wir sind doch direkt schon bedroht worden. Wenn vor Stadtverordneten zu mir gesagt wird, wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn unserer Häuser brennen, dann ist das natürlich schon sehr bedenklich".

Inzwischen kaufte die Stadt Flächen auf, die dem Investor zum Grünlandpreis weitergereicht werden sollen. Bereits vor zwei Jahren, so ein Protokoll, erklärten Bürgermeister und Bauamtsleiter, die Stadt verfüge über alle Grundstücke.

Inzwischen wird Familie Götting unter Druck gesetzt, ihre 20 ha, die demnächst Bauland werden sollen, für 2 DM/m2 an die Stadt zu verkaufen.

Erst nach der Wende erhielten die Göttings ihr in der DDR zwangskollektiviertes Land zurück.



Karl Götting: "... Wir sind ja im Prinzip keine Freizeitgegner. Wir wollen ja nur unser Recht."
Ilse Götting: "Wie is denn das, wenn das Ganze nu nich klappen tut mit dem Ferienpark, und dat geht nich und so? Was wird denn? Dat is mi ja schietegal, Hauptsache wir haben unser Geld. Ja, und das sagt ein Bürgermeister!"



Dubios ist bis heute der geschäftliche Hintergrund der Investoren: Eine "Sports-LeisurePromotion-World-Wide", wurde uns im Crivitzer Rathaus mitgeteilt, sei eigentlich Investor. Wir fanden die Gesellschaft in einem Stuttgarter Plattenbau - eine Briefkastenfirma.

Ferienpark-Projektant Deyle zur Finanzierung: "Die gesamte Investition wird von einer westdeutschen Großbank in einer Finanzierungszusage schriftlich zugesagt."

Welche Bank das Mammutprojekt finanziert - der Bauamtsleiter, nach dem die Kamera abgeschaltet war: "Es geht alles über die Deutsche Bank und bei der Deutschen Bank gibt es einen Pool, und da sitzen große Unternehmen drinne!" In der Deutschen Bank Konzernzentrale wurde auf ZDF-Anfrage mehrere Tage recherchiert. Ergebnis: Keine Finanzierung für das Ferienparkprojekt Crivitz. Aus dem Baubüro Deyle hieß es, keine Interviews, kein Kommentar. Man warte derzeit auf die Genehmigung der Baupläne.

15 touristische Großpropjekte sind in Mecklenburg-Vorpommern beantragt, an keinem wird gebaut. Der renommierte Freizeit-Unternehmensberater Wenzel zu Abschreibungsanreizen und Fördermitteln: "Also, es ist sicherlich in der aktuellen Situation leichter, solche Projekte in den neuen Bundesländern durchzusetzen, weil der wirtschaftliche Druck größer ist."

In Crivitz werben einige Unternehmer mit teuren Zeitungsannoncen für den Ferienpark. Andere distanzieren sich.

Georg Ihde (Stadtverordneter und Unternehmer): "Für Crivitz und für die Region Parchim, wo die Arbeitslosenzahl bei 17% liegt, ist das bei einem Arbeitsplatzangebot von 360 bis 370 Arbeitsplätzen, saisonunabhängige, natürlich ein erheblicher Posten. Ich meine sogar, einer der größten Betriebe, die hier existieren, und Arbeit und Brot und somit Wohlstand für die Stadt und die Region bringen."

Eberhard Mohn (Bauunternehmer): "Für mich ist das eine Idee von einigen wenigen Menschen, die dort dieses Land benutzen wollen, um dort eine Oase zu erstellen, in der sie auf Grund des billigen Baugrundes, auf Grund der Zuführung von Fördermitteln, billiges und gutes Geld verdienen.

Fördermittel um 100 Millionen waren laut Wirtschaftsministerium 1994 für das Projekt schon im Gespräch. Der heute amtierende Wirtschaftsminister spricht von einem Phantom.



Ende des Films

Quelle (B 3)
* Der Text und die Still-Videos wurden einem Beitrag der ZDF-Sendung "Kennzeichen D" vom Dezember 1995 entnommen.
* Wir danken Herrn Lutz Panhans vom ZDF-Studio Schwerin für die freundliche Unterstützung bei der Beschaffung des Film.

 
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