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Fallbeispiel (Zeitungsartikel)

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Hier findest du einen Zeitungsartikel, der gleichzeitig mit der Fernsehsendung erschien. (L 504)



Schweriner Volkszeitung, Mittwoch, 13. Dezember 1995

Disneyland in Mecklenburg

Die Kleinstadt Crivitz plant den größten Ferienpark Europas

Crivitz - Nahe der Kleinstadt Crivitz, 15 Kilometer von Schwerin, soll der größte, Ferienpark Europas entstehen. Nur der Freizeitpark: Euro-Disney bei Paris ist größer. Die örtliche Handwerkerschaft ist vor Investitionserwartungen ganz aus dem Häuschen. Gegner werden gemobbt.

Elektromeister Georg Ihde schleppt seit drei Wochen eine Strafandrohung mit sich herum. Er hatte auf einer Bürgerversammlung einen Rechtsanwalt als Spion beschimpft. Spion der Grünen. Das war nicht fein. Ihde gibt sich reumütig. Die Nerven seien mit ihm durchgegangen. Das passiert den Crivitzer Stadtvätern und manch anderem Stadtbürger aber leider regelmäßig, wenn es um den Ferienpark geht. So eben auch auf besagter Bürgerversammlung im Haus Seeblick vor wenigen Wochen. Handfest ging es da zur Sache. "Haltet die Schnauze", "Ihr in eurem Glaspalast, was wollt ihr denn", zählen noch zu den höflicheren Hinweisen der Ferienparkfans an die Künstlerfamilie Schmiedel, vor deren Nase der Traum vom großen Geld für Crivitz Realität werden soll. Ein Alptraum für Bildhauer Wieland Schmiedel. Seeadler und Fischotter in unberührter Warnow-Landschaft vor seinem Atelierfenster sollen joggenden Familienvätern und shoppenden Ferienmüttern weichen. Und Ulrike Seemann-Katz, Neu-Crivitzerin und Landesgeschäftsführerin der Grünen, erhielt vor versammelter Mannschaft eine Leseprobe eines Aufsatzes ihres achtjährigen Sohnes. Der Kleine schrieb vor einem Jahr über "Ein schönes Wochenende", dass die Familie im Aquatop in Travemünde war. Sein Pech: Die Stellvertretende Bürgermeisterin ist seine Lehrerin. Kampf um den Ferienpark live. Wat möt, dat möt, sagen die Mecklenburger. Und in Crivitz ist man noch ein bisschen mecklenburgischer.

Eine Stadt tanzt ums goldene Kalb

Der Tanz ums goldene Kalb begann vor drei Jahren. Da tauchte der Stuttgarter Unternehmer Werner Deyle in Crivitz auf. Etwas ganz Großes sollte auf einem Rübenacker vor den Toren der Stadt entstehen. Sozusagen eine Ferienstadt mit allem, was, dazu gehört: Spaßbad, Solarien, ein Saunamarkt, ein Hotel, Restaurants, Läden, Tennis-, Golf- und Reitanlagen. Alles in allem 3800 Betten und ein mittleres Besucheraufkommen von 4330 Tagesgästen. Denn der Ferienpark soll auch den 4300 Crivitzern offenstehen und überhaupt jedem zwischen Wismar und Perleberg. Jeder kann das Spaßbad besuchen, auch der Sohn der Familie Katz. Werner Deyle am 12. März '94 auf einer Bürgerversammlung im nahe gelegenen Demen: "Da kann ieder rein. Da haben wir einen Mittelpreis gemacht. Neun Mark. Aber dazu muß der Park auch eine bestimmte Größe haben." Da sah das Staatliche Amt für Umwelt und Naturschutz schwarz: 2000 Betten, mehr nicht, sagten die Umweltplaner vor Ort. Georg Ihde, damals noch FDP-Abgeordneter und Wirtschaftsausschussvorsitzender im Landtag, stand bei seinem FDP-Wirtschaftsminister auf der Matte. Schließlich einigte man sich auf 3000 Betten in Ferienhäusern und Hotel. Eine spätere Steigerung auf 3800 Betten ist vorgesehen. "Es war eine glückliche Fügung, daß ich Wirtschaftsausschussvorsitzender war", sagt er heute ganz bescheiden. Ex-Umweltminister Frieder Jelen (CDU) nennt das Ganze den größten Sündenfall seiner Amtszeit.


Der bislang größte Ferienpark: Bispingen (Lüneburger Heide) hat 83 Hektar und 300000 Besucher im Jahr.         Foto: Archiv

Von bisher 11 geplanten Ferienparks im Land ist noch kein einziger entstanden. Entweder gingen die Investoren Pleite oder es fanden sich gar keine oder man steckt, wie in Faschwitz auf Rügen, noch in den Kinderschuhen. Mit einer Größe von 284 Hektar und einer Investitionssumme von 430 Millionen Mark ist der Crivitzer Ferienpark nicht nur der bisher größte im Land, sondern auch in Deutschland und in Europa.
Bei 16 Bundesweit untersuchten Ferienparks wunden durchschnittlich 75 000 Mark je Bett investiert. In Crivitz wären es zunächst 140 000 Mark. Werden also die Betten nicht ausgelastet wie Landesbauminister Jürgen Seidel (CDU) Bedenkenträger zu beruhigen versucht, wird es betriebswirtschaftlich eng im Ferienpark. Dennoch verspricht Werner Deyle den Demener Pensionsbesitzern: "Unser Gast bekommt ein Prospekt, da steht drin, im Ferienhaus kostet es so viel, im Hotel soviel und in Demen in der kleinen Pension kostet es soviel. Es ist immer besser, in Demen zu wohnen. So machen wir die Struktur. Seien Sie da ganz positiv."
Deyle hat einfach an alles gedacht. Auch der 130 Hektar große Golfplatz wurde "nicht aufgenommen, damit da reiche Leute Golf spielen, sondern als VoIksgolf." Selbst 368 Arbeitsplätze als Gärtner, Kassierer, Zimmermädchen und Bademeister sind versprochen. Da müssen die Crivitzer aber noch ein bißchen lernen. lhde, inzwischen nebenberuflicher Geschäftsführer der städtischen Trägergesellschaft, weiß schon, wie: "Da machen wir ein Umschulungsprogramm mit dem Sozialministerium."

Wer nicht hören will, muß fühlen

Außerdem muß der Ferienpark mit Dienstleistungen versorgt werden. Dachdecker, Klempner und Elektriker bekommen dort laufend Aufträge, weiß Elektromeister Ihde. Was er nicht weiß, berichtet eine Studie des Bundesumweltministeriums. Danach haben Ferienparks dieser Größe in der Regel ihre eigenen Handwerker. Einzig das Gaststättengewerbe der Stadt darf sich größere Hoffnungen machen.
Aber erst einmal warten die Crivitzer noch auf die Genehmigung des Bebauungsplanes. Sie soll in den nächsten Tagen erteilt werden. Doch noch gehören der Stadt nicht alle Grundstücke des Gebietes. Die Großfamilie Götting, die schon seit dem 19. Jahrhundert ihre Scholle dort hat, wo künftig Tennisbälle tanzen sollen, verkauft einfach nicht. Göttings spielen nämlich kein Tennis, sondern halten Bullen, Kühe und Pferde. Die Stadtväter versuchten es im Guten. Ilse Götting, Oberhaupt des Clans, erzählt: "Wie oft waren die schon hier. Abends um zehn hat der Bauamtsleiter angerufen. Einmal kam eine Frau, die brachte Kaffee und Kuchen mit. Dann kam Fleischer Behnisch mit einer Flasche Schnaps im Arm. Und zu meinem 63. kam sogar der Pfarrer und nahm mich beiseite. Ob wir denn nicht verkaufen wollen, fragte er mich. Sonst passiere nix Gutes."
"Ja die Göttings, das sind ganz spezielle Menschen", sinniert Bauamtsleiter Gernot Seelig, "die haben da ihre Familienphilosophie." Philosophie hin, Philosophie her, der Rübenacker wird für Ferienmenschen gebraucht. Und da es im guten nicht geht, wird den Göttings jetzt ein anderes Stück Land zugewiesen. Wer nicht hören will, muß fühlen. Wat möt, dat möt...

Stefan Koslik



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